Bildbesprechung __|

Diese Aufnahme stammt von Udo Hartmann, einem fotografischen Weggefährten, den ich seit über zehn Jahren kenne und schätze.
Udos Bilder bestechen durch ihre schlichte Klarheit. Bei ihm wird das Alltägliche besonders. Wie macht man das?
Fotografieren lernen heißt: sehen lernen
Man hört oft den Begriff "fotografisch sehen".
Damit ist gemeint, dass jemand in der Lage ist, ein lohnendes Motiv als solches zu erkennen. Man muss wissen, wie die Kamera ein dreidimensionales Motiv in ein
zweidimensionales Bild umwandelt. Fotografisch sehen bedeutet auch, ungewöhnliche Sichtweisen auf normale Alltagsdinge zu finden.
Beides ist hier der Fall: Der Beckenrand eines Swimming-Pools und die Sonnenschirme werden zu einer abstrakten, grafischen Komposition.
Die Bildgestaltung:
Hat man ein Motiv gefunden, stellt sich die Frage nach der Umsetzung, also:
Welche Perspektive wähle ich?
Welches Format wähle ich - hoch, quer, quadratisch?
Wo im Sucher soll welcher Teil des Motivs platziert sein?
Gibt es evtl. störende Bildelemente? Kann ich sie vermeiden?
Wie ist die Lichtsituation?
Erst dritten Schritt kommt die Kameratechnik ins Spiel:
Welche Brennweiten stehen mir zur Verfügung?
Welche Kombination aus Belichtungszeit/Blende stelle ich ein?
Benötige ich Hilfsmittel wie Stativ, Filter o.ä.?
Mängel der Kameratechnik lassen sich durch gestalterische Kniffe oft ausgleichen:
Kann man ein Motiv nicht formatfüllend aufnehmen, weil das Weitwinkel oder ein extremes Tele fehlen, besteht die immer noch die Möglichkeit den Standort zu wechseln.
Natürlich verändert sich etwas, wenn man Standort oder Brennweite verändert. Hier ist wieder genaues Beobachten erforderlich: Was genau verändert sich?
Ist das Motiv aus einem anderen Blickwinkel heraus noch genau so interessant oder verliert es an Kraft?
Nicht umsonst empfehlen Foto-Ratgeber immer wieder, ein Motiv aus möglichst vielen Perspektiven anzuschauen und zu fotografieren.
Warum dieses Bild wirkt
1. Die ungewöhnliche Perspektive von oben wirft beim ersten Betrachten die Frage auf, was da eigentlich fotografiert wurde: es macht neugierig.
2. Das Bild ist exakt komponiert: Obwohl das quadratische Format oft als statisch und langweilig empfunden wird, ist es für dieses Motiv genau richtig.
Die Linien und sogar die Ausrichtung der Sonnenschirm-Ecken bringen einen Rhythmus ins Bild. Es geht hier nicht um eine naturalistische,
dokumentarische Abbildung, sondern um die grafische Wirkung dieses "Ensembles". Räumliche Tiefenwirkung wäre hier unerwünscht. Durch die Verwendung eines Teleobjektivs
werden die Flächen und Formen auf eine Ebene reduziert.
3. Das Motiv ist farbig aber nicht bunt - eine kühle und dennoch angenehme Komposition, ohne störende Elemente.
Wie Udo mir verraten hat, bestand die größte Schwierigkeit darin, ein Fliegengitter zu entfernen, das ihn am Fotografieren aus dem Hotelzimmer gehindert hat.
Hätten Sie das getan?
Wie weit würden Sie gehen, um ein außergewöhnliches Foto zu schießen?
Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
Schnee von gestern von Gabi Geisser
Schwalbenschwänze von Markus Oettl
Jasmin und Erik von Joel Hatsch
Füsse von Tanja
Mama, mach mal ein Foto von mir... von Schierin
Palmenmeer von Tanja H.
Wellengang von Carola Jäger
U-Bahn von Günter Hoffmann
"_|" von Udo Hartmann
Küchenschelle von Reinhold Degel