Bildbesprechung: U-Bahn

Diese Aufnahme stammt von Günter Hoffmann, Mitglied im Foto-Film-Club Siemens München.
Das Foto entstand bei einer Exkursion im November 2005 in der Münchner
U-Bahn.
Die technischen Zusammenhänge verstehen
Eine Aufnahme wie diese kann nur entstehen, wenn der Fotograf die technischen Zusammenhänge versteht, die beim Fotografieren existieren.
Das heißt: um eine bestimmte Bildwirkung zu erzielen, muss man wissen, wie sich die Kameraeinstellungen auf die Abbildung auswirken.
Die wesentlichste Grundlage ist hierbei das Wissen um Blende und Belichtungszeit.
Bei dieser Aufnahme wurde bei vorhandenem Licht mit Stativ fotografiert und eine lange Belichtungszeit eingestellt.
Die Aufnahmedaten:
Brennweite: 35 mm
Belichtungszeit: 4 sec
Blendenwert: 20
Die Verwendung eines leichten Weitwinkels zwingt den Fotografen bei dieser Perspektive dazu, relativ nahe an sein Motiv - also die Menschen -
heran zu gehen. Er setzt sich damit den Blicken der Passanten unmittelbar aus. Die lange Belichtungszeit von 4 Sekunden führt dazu, dass die bewegten Personen
in Unschärfe verschwimmen, während die unbewegten Elemente im Bild scharf abgebildet werden.
Blende 20 - also eine starke Abblendung, kleine Blendenöffnung - sorgt einerseits dafür, dass eine hohe Schärfentiefe erreicht wird. So ist auch der hintere
Teil des Zuges noch scharf. Andererseits ist eine so kleine Blende auch erforderlich, weil bei 4 Sekunden Belichtungszeit sehr viel Licht aufs Bild kommt.
Selbst bei Kunstlicht sind kürzere Belichtungszeiten möglich, mit denen sich auch die Personen deutlicher abbilden lassen würden. Das war hier jedoch nicht erwünscht.
Warum dieses Bild wirkt
1. Das Motiv "U-Bahn" ist deutlich erkennbar, es handelt sich um eine alltägliche Szene mit hohem Wiedererkennungswert.
Ungewöhnlich wird sie durch die verwischten Gestalten. Die Unschärfe erzeugt einen "geisterhaften" Eindruck.
2. Das Bild ist gut komponiert: Die diagonale Linie bringt eine klare Richtung ins Bild. Das Motiv ist reduziert auf wenige Elemente.
3. Die Farben sind harmonisch; einen besonderen Akzent setzt das Rotorange im Vordergrund, das an eine Flamme erinnert und der
sonst eher toten Szenerie Leben einhaucht.
Was man noch verbessern könnte
- Schärfe
Die vier Sekunden Belichtungszeit führen, trotz Stativ, auch zu einer leichten Unschärfe der unbewegten Elemente.
Der Schärfebereich liegt eher im hinteren (oberen) Teil des Bildes; wohl auch durch die Tatsache, dass der Zug bereits angefahren ist und begonnen hat,
sich zu bewegen. Wer es absolut knackscharf haben will, muss darauf achten, dass das Stativ wirklich wackelfrei steht.
Auf einer belebten Treppe nicht ganz einfach. Für die Schärfentiefe gilt die Regel, dass alles, was 1/3 vor und 2/3 hinter dem anfokussierten Punkt
scharf abgebildet wird. Hier hätte es möglicherweise geholfen, diesen Schärfefokus etwas weiter nach vorne zu holen.
- Störende Elemente
Minimal störend ist der metallene Handlauf, der rechts vorne (unten) mit ins Bild geraten ist.
Bilder wie dieses sind nicht so einfach zu fotografieren, wie man meinen möchte. Die Komposition lässt sich zwar grundsätzlich arrangieren,
ist dann aber zum Zeitpunkt der Belichtung sehr stark vom Zufall abhängig: wie viele Leute laufen auf den Punkt zu? Welche Farben haben ihre Mäntel?
Wie bewegt sich die Gruppe von Personen - und vielleicht läuft einem im entscheidenden Moment dann doch jemand durch's Bild... Man braucht Zeit und Geduld und
sollte vom gleichen Standort viele Aufnahmen machen. Hier stimmt fast alles.
Rechtliches und Menschliches
Für Aufnahmen in der U-Bahn benötigt man eine Fotoerlaubnis. Andernfalls wird man von der U-Bahn-Wache sofort "weggeräumt". Natürlich kann man heimlich ein paar
Fotos schießen. Sobald man aber mit dem Stativ unterwegs ist, wird man nicht nur vom Personal kontrolliert, sondern auch von den Fahrgästen mehr oder weniger mißtrauisch
angesehen. Die Fotoerlaubnis bekommt man bei den Verkehrsbetrieben.
Für die Veröffentlichung von Bildern gelten die üblichen rechtlichen Rahmenbedingungen: niemand darf gegen seinen Willen fotografiert und ohne
vorherige schriftliche Genehmigung ins Internet gestellt werden. Darum haben wir für diese Bildbesprechung auch ganz bewußt ein Foto ausgesucht,
auf dem die Personen nicht zu erkennen sind.
Weitere Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
Schnee von gestern von Gabi Geisser
Schwalbenschwänze von Markus Oettl
Jasmin und Erik von Joel Hatsch
Füsse von Tanja
Mama, mach mal ein Foto von mir... von Schierin
Palmenmeer von Tanja H.
Wellengang von Carola Jäger
U-Bahn von Günter Hoffmann
"_|" von Udo Hartmann
Küchenschelle von Reinhold Degel