Bildbesprechung: Wellengang

Diese Aufnahme stammt von Carola Jäger, Teilnehmerin des Grundlagenkurses. Das Foto entstand im Dezember 2005 bei einer Reise nach Hong Kong.

Experimentierfreude
Hier hat Carola bei vorhandenem Licht in einem schaukelnden Boot ohne Stativ fotografiert und eine lange Belichtungszeit eingestellt.
"Ich war auf einem Schiff, habe die Blendenautomatik eingestellt, sodass ich die Zeit selber beeinflussen konnte. Und dann gings los: Kamera auf die Häuser gerichtet, gewartet, bis das Schiff losfuhr und dann mit der Welle abgedrückt. Aufgrund der langen Belichtungszeit sind dann diese Formen herausgekommen. Einfach ein Experiment:-)"

Die Aufnahmedaten:
Brennweite: 48mm
Belichtungssteuerung: Blendenautomatik
Belichtungsmessung: Spotmessung
10 Sekunden - 1/4.8
Belichtungskorrektur: +3.3 LW
Empfindlichkeit: ISO 125

Warum dieses Bild wirkt
1. Bilder mit Lichtspuren vermitteln immer eine ganz besondere Exotik, weil sie uns etwas zeigen, was wir mit dem bloßen Auge nicht in dieser Form wahrnehmen können.

2. Das Bild ist trotz aller Bewegung gut komponiert: der Horizont liegt so, dass eine horizontale Bildaufteilung in 1/3 zu 2/3 entsteht. Dazu kommt durch die Farbaufteilung eine ungewöhnliche und damit faszinierende Beinahe-Halbierung in vertikaler Richtung und der Horizont scheint eine Wellenbewegung zu machen.
Durch die unterschiedlich großen und unterschiedlich weit entfernten Lichtquellen entstehen viele verschiedene Linien, die sich überlagern - kleine und große Schwingungen, die dem Bild als Ganzes eine hohe Dynamik verleihen. Die Wiederholungsmuster und die dunkle Welle bewirken, dass das Motiv bei aller Dynamik eine gewisse Harmonie ausstrahlt.

3. Die Farben blau und orange stehen sich im Farbkreis als Komplementärfarben genau gegenüber, sind also eine ideale Kombination, schöner Kalt-Warm-Kontrast. Absolutes Highlight ist die blaue Lichtspur im orangefarbenen Bildteil.

Man muss natürlich ein gewisses Maß an Begeisterung für abstrakte Bilder mitbringen, um sich an solchen Farben und Formen erfreuen zu können ;-)


Was man noch verbessern könnte
Bei Experimenten hat der Zufall immer seine Hand im Spiel. Der einzige kleine Wermutstropfen bei dieser Aufnahme ist die weiße, ausgefressene Stelle im linken oberen Bildteil, die durch eine kürzere Belichtungszeit möglicherweise mehr Zeichnung erhalten hätte. Vielleicht wäre damit dann aber auch viel vom Farbenspiel in den anderen Bildteilen verloren gegangen.

Lichtspuren und andere Experimente
Wer seine Trefferquote bei Experimenten erhöhen möchte, macht am besten eine ganze Serie von Aufnahmen mit den gleichen, aber auch mit unterschiedlichen Einstellungen. Das Schöne an Digitalkameras ist: man sieht das Ergebnis sofort und kann entsprechend korrigieren: wäre das Bild insgesamt zu hell geworden hätte man bei der nächsten Aufnahme die Belichtungszeit verkürzt oder durch stärker abgeblendet (auf Blende 16 oder 22). Für schöne Lichtspuren benötigt man lange Belichtungszeiten. In der Regel steht die Kamera auf dem Stativ und das Licht, z.B. von Fahrzeugen, bewegt sich an der Kamera vorbei. Der Fotograf kann seinen Standort so wählen, dass vorhersehbar ist, wo sich die Lichter entlang bewegen werden, z.B. auf einer Fußgängerbrücke über einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße.
Wie lange die Belichtungszeit im Einzelfall sein muss, hängt davon ab, wie schnell sich die Lichter bewegen bzw. wie hell die Umgebung ist. Während eine Überbelichtung bei normalem Tageslicht schnell unschön wirkt, tritt bei Dunkelheit und langen Belichtungszeiten der Schwarzschildeffekt ein, d.h. eine Verlängerung der Belichtungszeit hat nicht sofort eine Überbelichtung zur Folge.

Am schönsten werden Lichtspuren in der "Blauen Stunde", also in der Dämmerung morgens oder abends, weil sich das natürliche Tageslicht mit dem Kunstlicht mischt. Aufnahmen von Lichtern bei völliger Dunkelheit wirken nur dann, wenn das Kunstlicht farblich sehr abwechslungsreich ist, wie in diesem Fall. Bei Experimenten gilt die Regel "Probieren geht über Studieren". Wichtig ist nur, dass man bei aller kreativer Begeisterung notiert, wie die Aufnahmen entstanden sind, damit die guten oder schlechten Ergebnisse später nachvollziehbar sind. Die EXIF-Daten, die mit den Bildern gespeichert werden, sind eine gute Hilfe, sie sagen aber nichts darüber aus, ob der Verkehr stockend war und welche anderen Rahmenbedingungen vielleicht noch entscheidend zum Bild beigetragen haben.

Weitere Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
Schnee von gestern von Gabi Geisser
Schwalbenschwänze von Markus Oettl
Jasmin und Erik von Joel Hatsch
Füsse von Tanja
Mama, mach mal ein Foto von mir... von Schierin
Palmenmeer von Tanja H.
Wellengang von Carola Jäger
U-Bahn von Günter Hoffmann
"_|" von Udo Hartmann
Küchenschelle von Reinhold Degel

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