Bildbesprechung: Palmenmeer

"Palmenmeer" von Tanja H.

Ungewöhnlich
Als ich Tanjas "Palmenmeer" zum ersten Mal sah, hatte ich so etwas wie ein Aha-Erlebnis. Obwohl oder gerade weil das Bild eine klassische Gestaltungsregel bricht, hat es mich spontan angesprochen.

Warum dieses Bild wirkt
Unsere Sehgewohnheiten erzeugen eine Erwartungshaltung. Bei einem Bild mit Palmen und Strand erwartet man Sonne und einen harmonischen Bildaufbau, bei dem die Palme schräg seitlich ins Bild hinein ragt.
Nun wissen wir, dass es Palmen gibt, die nicht nach oben wachsen, sondern schon fast am Boden liegen. Auch davon haben wir irgendwo Bilder gesehen. Aber auch bei diesen Bildern sieht man die Palme fast immer von der Seite. Und nun kommt da eine daher, die macht das völlig anders...

Gut so! Die ungewöhnliche Perspektive - liegende Palme von oben ist was anderes und durchbricht unsere Sehgewohnheiten. Dazu kommt die Lichtstimmung: kein Sonnenuntergang aus dem Bilderbuch, sondern eher eine kühle Abendstimmung, wie kurz nach einem Regenschauer. Die Palme durchschneidet das Bild vertikal, genau in der Mitte. Absoluter Stilbruch, goldener Schnitt ade. Das Bild könnte fast beunruhigen. Die Krone der Palme ragt aus dem Wasser, scheint in Richtung Betrachter zu zeigen. So habe ich noch keine Palme gesehen.
Gleichzeitig sorgt die Aufteilung der Farbflächen für eine ausgleichende Harmonie: Strand, Gischt, Wasser und Himmel staffeln den Raum so, dass die Weite nachvollziehbar wird. Der Bildtitel "Palmenmeer" setzt noch einen oben drauf: beim Wort Palmenmeer würden die meisten erst mal an "ein Meer von Palmen" denken, also analog zum Begriff Häusermeer viele Palmen assoziieren. Genau das Gegenteil ist der Fall. Tanja nimmt das Motiv und den Titel absolut wörtlich - fast schon surreal. Eine wirklich ungewöhnliche und mutige Komposition. Ob sie sich bei einem Wettbewerb durchsetzen könnte, ist eher fraglich. Auch für einen Reiseprospekt würde sich das Bild nicht eignen. Weder das eine noch das andere schmälert den Wert der Aufnahme.

Was man noch verbessern könnte
Die Weitwinkeloptik, die bei diesem Motiv unter anderem dafür sorgt, dass alles von vorne bis hinten scharf abgebildet wird, hat leider auch zu einer Verzeichnung geführt: der Horizont ist an den Rändern leicht nach unten gebogen und kippt leicht nach links. Die Rundung des Horizonts könnte man hier durchaus bildwirksam nutzen, indem man sie symbolisch stehen lässt für die Krümmung der Erdkugel. Dazu müsste diese Krümmung dann aber auch völlig symmetrisch sein. Das lässt sich in Photoshop noch korrigieren.

Strandmotive
sind nicht nur bei Urlaubern sehr beliebt, sondern natürlich auch in der Werbung. Wer am Strand fotografiert, orientiert sich meist an den fotografischen Prägungen, die wir aus den Medien (Reiseprospekte etc.) haben. Südliche Strandmotive assoziieren wir hauptsächlich mit Spaß, Erholung, braungebrannter Haut, schönen Menschen und bunten Sonnenschirmen. Vielleicht auch noch mit dem Negativimage in Form von Menschengedränge und aufgereihten Liegen. Daneben gibt es auch noch die weiten, menschenleeren Schlechtwetter-Nordseestrände, Strandgut oder Bilder von sportlichen Aktivitäten - Reiter, Surfer, Segler, Beachvolleyball...
Der Strand hat viele Gesichter. Bei welchem kommen Sie ins Schwärmen?

Praxistipp
Bei Strandmotiven im hellen Sonnenschein wird die Belichtungsmessung der Kamera durch die hellen Reflektionen "geblendet". So geraten Bilder oft zu dunkel. - Machen Sie Gebrauch von der Belichtungskorrektur (Plus-Korrektur bis zu zwei Blendenstufen)
- Nutzen Sie den Aufhellblitz, wenn Sie Personen fotografieren
- Verwenden Sie ein Skylight oder UV-Filter
- Schützen Sie die Kamera vor Sand, Feuchtigkeit und zu großer Hitze


Weitere Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
Schnee von gestern von Gabi Geisser
Schwalbenschwänze von Markus Oettl
Jasmin und Erik von Joel Hatsch
Füsse von Tanja
Mama, mach mal ein Foto von mir... von Schierin
Palmenmeer von Tanja H.
Wellengang von Carola Jäger
U-Bahn von Günter Hoffmann
"_|" von Udo Hartmann
Küchenschelle von Reinhold Degel

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