Bildbesprechung: Jasmin und Erik

"Jasmin und Erik" von Joel Hatsch

Inszeniert und trotzdem natürlich
Den meisten Fotos sieht man an, wenn sie während eines Workshops aufgenommen wurden. Das Posing, also die Haltung, die das Modell für ein Foto einnimmt, verrät ebenso wie der Blick, die Kleidung und das Ambiente, dass es sich um eine künstliche Inszenierung handelt. Das kann seinen Reiz haben, oft beeinträchtigt es jedoch die Glaubwürdigkeit von Bildern. So manche Studio- oder Workshop-Inszenierung ist - bei aller technischen Ausgefeiltheit - lächerlich, weil weder Modell noch Fotograf einen wirklichen Bezug zur Inszenierung haben. Die Posen wirken dann aufgesetzt und künstlich.

Warum dieses Bild wirkt

  1. Der direkte Blickkontakt zum Modell fesselt den Blick des Betrachters
  2. Gelungenes Spiel mit Schärfe und Unschärfe: die Schärfe ist klar auf das Hauptmotiv - Jasmin - gelegt, das Auge des Betrachters wird geführt und es entsteht ein Eindruck von räumlicher Tiefe
  3. Geschicktes Arrangieren der beiden Personen: Erik, die zweite Person im Hintergrund, die bewußt unscharf gehalten wurde, erzeugt Spannung. Die Gegenüberstellung der beiden Personen weckt die Phantasien und löst Assoziationen aus.
  4. Die Szene wirkt sehr natürlich, als würde es sich um einen Schnappschuss handeln, bei dem der Fotograf ertappt wurde.

Was man noch verbessern könnte
Natürlichkeit hat häufig ihren Preis: das Licht ist nicht ganz perfekt und die Modelle verharren nicht in der idealsten Haltung. Man könnte in dieser Situation das Gesicht bzw. die etwas dunkel geratene Augenpartie von Jasmin mit einer Softbox oder einem Aufheller ausleuchten. Man könnte sie auch bitten, die rechte Hand so weit über den linken Oberarm zu legen, dass die Fingernägel nicht von vorne, sondern von oben zu sehen sind. Dem Photoshopper steht es außerdem frei, kleine Flecken im Gesicht oder auf der Schulter zu retuschieren.

Die Dramatik der beiden Personen ließe sich hier dadurch steigern, dass der junge Mann im Hintergrund - Erik - den Kopf weniger neigt und grimmiger schaut. So könnte man eine Geschichte inszenieren, die vor dem geistigen Auge des Betrachters vielleicht folgendermaßen abläuft: ein Paparazzi fotografiert die schöne Rockerbraut, wird vom eifersüchtigen Gitarristen ertappt und ... hat es offensichtlich geschafft, seine Haut und sein Foto zu retten, sonst wäre es ja nicht hier zu sehen ;-)

Weitere Kleinigkeiten, auf die man achten kann: das Armband an Eriks rechter Hand wirkt in diesem Arrangement etwas zu schwer und klobig. Man könnte es durch nachträgliche Bearbeitung (z. B. Entfärben) visuell abschwächen. Hinter Jasmin ist rechts noch ein bißchen Raum, während Eriks Arm am linken Bildrand angeschnitten ist. Das Bild wirkt insgesamt ausgewogener, wenn man die weiße Kante rechts entfernt, und auch Jasmins Haar leicht anschneidet.

Menschen fotografieren
Porträts kann man mit fast jeder Kamera aufnehmen. Bei Spiegelreflexkameras ist die Wahl des Objektivs von großer Bedeutung. Ideal für die Porträtfotografie sind leichte Telebrennweiten, die das Gesicht eines Menschen am natürlichsten (= so wie wir gewohnt sind zu sehen) abbilden. Geht der Fotograf sehr nah an sein Motiv oder verwendet er sogar ein Weitwinkelobjektiv, können die Aufnahmen unscharf werden - auf jeden Fall wird die Perspektive verzerrt. Die porträtierten Personen werden nicht unbedingt begeistert sein! In der experimentellen Porträtfotografie ist trotzdem alles erlaubt!

Benutzt man eine sehr große Telebrennweite, entsteht schnell der "Paparazzi-Effekt": Flache Bilder ohne Tiefe. Ein weiteres Problem: die Distanz zwischen Modell und Fotograf wird so gross, dass die Interaktion schwierig wird. Und gerade die ist besonders wichtig, wenn man Menschen fotografieren möchte: Der Fotograf muss Anweisungen und Rückmeldung geben, ob sich das Modell richtig verhält. Nur wenn sich das Modell (und der Fotograf!) wohl fühlt, entstehen gute Aufnahmen. Ein wichtiger Aspekt ist das Gefühl, dass der Fotograf eine gewisse Sicherheit ausstrahlt, dass er weiß was er tut, und dem Modell möglichst gute und konkrete Anweisungen geben kann. Das ist nur den wenigsten Menschen in die Wiege gelegt: man lernt es am besten durch Übung und möglichst viele eigene Erfahrungen sammelt.

Wichtig für jedes Shooting ist außerdem die Bildidee. Je konkreter der Fotograf das Bild vor Augen hat, das er mit seinen Modellen realisieren möchte, desto genauer kann er ihnen sagen, wie sie sich aufstellen, bewegen oder setzen müssen. Die Wahl des Hintergrundes, vor dem man das Modell fotografiert ist ebenso Teil dieser Idee, wie die gewünschte Pose und der Gesichtsausdruck. Die verwendete Brennweite, die Perspektive, der Abstand zum Motiv und das Licht sind weitere variable Zutaten für jedes Bild.

Accessoires können gerade am Anfang ein gutes Hilfsmittel sein, denn sie geben einem unerfahrenen Modell etwas, woran es sich "festhalten" kann - und einen Blickfang, von dem aus der Fotograf seine kreativen Inszenierungen starten kann.
Generell gilt, auch für das Porträt: weniger ist mehr, d.h. Konzentration auf wenige Details ist besser als zu viele Bildelemente. Ein zu bunter Hintergrund oder ein zu auffälliges Accessoire würden sehr stark vom Modell ablenken. Wichtig ist die Schärfe, die bei reinen Gesichtsfotos auf den Augen der Person liegen sollte.

Für den Porträt-Fotografen gibt es sehr viel gleichzeitig zu beachten und zu tun, weshalb sich viele Einsteiger von der Porträtfotografie anfangs überfordert fühlen. Aber auch hier gilt der alte Grundsatz: Übung macht den Meister. Das Betrachten und Analysieren von guten Porträtfotos anderer Fotografen ist ein guter Wegweiser für die eigene Arbeit.

Weitere Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
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Schwalbenschwänze von Markus Oettl
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