Bildbesprechung: Schnee von gestern

Schnee von gestern

"Schnee von gestern" von Gabi Geisser

Alltäglich - un-alltäglich
Als Gabi mir dieses Foto per Mail schickte, entstand bei mir sofort eine emotionale Reaktion: so etwas hatte ich noch nie gesehen. Weder im echten Leben, noch auf einem Foto. Die Idee, ein leer gefuttertes Marmeladenglas im Schnee zu fotografieren, hat vermutlich nur die Mutter von zwei beinahe erwachsenen Söhnen, weil sie immer wieder mit solchen skurrilen Sonderbarkeiten konfrontiert ist. Der Löffel steckt noch im leeren Glas - holt da jemand vielleicht gerade Nachschub?
Für mich ist das ein Foto, das Fragen aufwirft und neugierig macht.

"Schnee von gestern" ist der Titel des Bildes, weil es bereits im Winter 2005/2006 entstanden ist. Wir wollten es schon viel früher hier präsentieren, aber weil der Schnee von diesem Jahr so lange auf sich warten liess, blieb das Foto erst mal in der digitalen Schublade.

Ich erwähne das nicht, weil mir ansonsten nichts zum Bild einfiele, sondern weil es viele Fotos gibt, die toll sind - aber leider nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort landen. Viele tolle Fotos scheitern bei Wettbewerben oder anderen Einsendungen, weil sie einfach nicht in den Kontext passen. Es liegt also nicht immer am Bild oder am Motiv, sondern auch oft genug an den Umständen.

Warum dieses Bild wirkt
Dieses Foto wird vielleicht nicht jeden Betrachter gefangen nehmen. Ob ein Bild wirkt, hängt unter anderem auch davon ab, ob und welche Assoziationen ein Betrachter beim Anblick des Motivs hat. Diese Assoziationen basieren auf Erfahrungen und Erlebnissen, die ein Mensch während seines Lebens gesammelt hat. Manche Menschen können sofort etwas damit anfangen, anderen fehlt der Zugang. Diese unterschiedliche Reaktion ist aus psychologischer Sicht völlig normal. Leider erwarten oder erhoffen viele Fotografen, dass ihre Bilder von allen Betrachtern gut aufgenommen werden. Doch die Reaktion auf Bilder ist so individuell, wie wir Menschen nun einmal sind. Nicht jeder liebt Schweinshaxe mit Kraut oder in Frittierfett herausgebackene Mars-Riegel...
Der besondere Reiz der Fotografie liegt darin, dass wir sehr persönliche Bilder machen können - auch und gerade auf die Gefahr hin, dass andere sie möglicherweise nicht verstehen.

Dieses Motiv besticht jedenfalls durch seine Ungewöhnlichkeit. Und es hat weitere Vorzüge, die ein gutes Bild im allgemeinen ausmachen: Da ist die farbliche Reduktion auf drei Hauptfarben: rote Marmelade, weißer Schnee, dunkles Gestrüpp.

Über dem Motiv liegt ein leichter Blaustich, der dem Arrangement eine kalte Note verleiht, und den Kontrast zwischen Warm und Kalt verstärkt. Die rote Marmelade symbolisiert Wärme, vielleicht sogar so etwas wie Geborgenheit. Manch eine/r mag sogar eine Assoziation zu Babynahrung haben. Der leuchtend weiße Schnee ist makellos, strahlend, glitzernd und klar - aber auch kalt.

Die düsteren Pflanzen im Hintergrund kann man als störend empfinden - aber auch als bedrohlich. Wäre der Hintergrund rein weiß und lediglich schneebedeckt, würde dieses Arrangement seinen individuellen Charakter einbüßen, und zu einem eher plakativen Allerweltsmotiv mutieren.

Durch die Signalfarbe Rot und die klare Trennung von Schärfe und Unschärfe wird der Blick ohne Umschweife auf das Hauptmotiv (Marmeladenglas) gelenkt. Dann wandert das Auge einmal hin und her, betrachtet den Schnee, betrachtet den Hintergrund, um schließlich wieder zum Marmeladenglas zurück zu kehren, und darauf zu verweilen.
Es ist ein Bild, das eine Geschichte erzählt, die erst im Kopf des Betrachters Formen annimmt.

Was man noch verbessern könnte
Die Aufnahme ist noch auf analogem Filmmaterial entstanden und wurde vom Foto-Abzug eingescannt. Dadurch wirkt sie nicht so scharf und brillant, wie es die meisten Digitalfotos heutzutage tun. Gestalterisch könnte man das Marmeladenglas noch aus der Mitte heraus und etwas mehr in Richtung des Goldenen Schnitts legen. Liegt ein Hauptmotiv zu sehr im Bildzentrum, wirkt ein Foto leicht statisch, oft auch langweilig. Bringt man das Hauptmotiv in den Goldenen Schnitt empfindet der Betrachter ein Foto meist harmonischer, einladender und "runder".

Der oben erwähnte Blaustich wird durch die UV-Strahlung auf dem Schnee verursacht. Mit einem entsprechenden Sperrfilter vor dem Objektiv könnte man ihn schon bei der Aufnahme vermeiden - oder man wendet eine nachträgliche Farbkorrektur auf ein Digitalbild/den Scan an.

Gefundene Stilleben
Dieses Motiv würde ich als "gefundenes Stilleben" bezeichnen, im Gegensatz zu bewusst arrangierten Stilleben, die ein Fotograf oder Maler gezielt aufbaut. Zufällige Stilleben findet man vielerorts, meist am Wegesrand. Es sind die kleinen Details, die unauffälligen Besonderheiten, auf die man plötzlich von ganz allein aufmerksam wird, wenn man sie als "grundsätzliches Motiv" für sich entdeckt hat.

Wenn man als Fotograf oder Foto-Amateur den Blick für solche Details schärft, muss man nicht mehr um die halbe Welt jetten, um interessante Fotomotive einzufangen. Man findet die Motive überall: im Garten, vor der Haustür, auf dem Weg zur Arbeit, im Büro. Ein weiterer positiver Neben-Effekt: die Aufmerksamkeit wird geschärft - nicht nur die fotografische. Wer mit wachem Verstand und wachem Herzen durch die Welt und durchs Leben geht, und nach Fotomotiven Ausschau hält, muss sich nicht in ein Meditationszentrum zurück ziehen, tagelang auf einem Kissen sitzen und schweigen... ;-)

Weitere Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
Schnee von gestern von Gabi Geisser
Schwalbenschwänze von Markus Oettl
Jasmin und Erik von Joel Hatsch
Füsse von Tanja
Mama, mach mal ein Foto von mir... von Schierin
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Wellengang von Carola Jäger
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