Editorial: Der Fotograf als Schönheits-Chirurg

Michelle

"Michelle" fotografiert von Jacqueline Esen beim GK-Workshop in München

"Der Fotograf als Schönheits-Chirurg"

Wer sich auf Amateur-Fotos nicht gefällt, geht oftmals zum Profi - damit endlich mal schöne Bilder heraus kommen, mit denen man Eindruck machen kann. Für Bewerbung, Dating-Plattform oder für die Oma zu Weihnachten darf's schon mal ein bißchen professioneller sein. Ein Profi weiß, wie er das Modell hinsetzen oder hinstellen muss, damit es wirkt. Er kennt sich mit Beleuchtung aus und weiß, in welchem Moment er am besten auf den Auslöser drückt. Er beherrscht die Kameratechnik - und der/die Porträtierte ist bereit, mit ihm zu arbeiten.

Ein Fotograf kann durch Licht und Technik deutlich andere Bilder machen, als ein Normalverbraucher. Die Stylistin tut noch das Ihre dazu. Ein bißchen Make-Up kaschiert Hautunreinheiten, betont die Konturen des Gesichts. Und trotzdem gibt es immer noch Menschen, die auf Fotos einfach nicht gut rüberkommen. Auch kein Problem, sagt der Photoshop-Experte. Dann korrigieren wir das eben auch noch..."
Möglich ist alles. Und der neue, veränderte Blick eines Fotografen auf uns selbst vermag es, dass wir Seiten an uns entdecken, die wir bisher noch nicht wahrgenommen hatten. Das ist der positive, der angenehme Aspekt an der Beauty-Fotografie. Wir können erkennen, wie schön wir sind, welches Potenzial in uns steckt.

Die Schattenseite: die geschönten Bilder erzeugen in den allgegenwärtigen Medien ein Schönheitsideal, das mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat. Da werden Beine verlängert, Bäuche wegretuschiert, Haut geglättet, Augenringe entfernt - ja sogar die kleinen Fältchen an den Fingergelenken sind vielen Art Direktoren schon zu viel. Konfrontiert mit solchen Kunstprodukten fällt es vielen Menschen immer schwerer zu akzeptieren, wie sie tatsächlich aussehen. Nicht nur auf dem Foto, sondern auch in Wirklichkeit. Da muss der Körper dann per Operation ans Ideal angepasst werden - nicht selten mit fatalen Folgen.
Ob so oder so: es sieht so aus, als wäre ein idealisierendes Foto die beste Lösung. Das wußten schon die alten Porträtmaler ;-) Wenn ein geschöntes Foto verhindern kann, dass junge Mädchen zum Chirurgen rennen, dann soll es so sein. Ich fände es erheblich sinnvoller, wenn wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Foto immer nur den Bruchteil einer Sekunde zeigt, und dass wir sehr viele und sehr unterschiedliche Gesichter haben können. Was unsere Persönlichkeit wirklich ausmacht, zeigt sich in einem Porträt, nicht in der Beauty-Fotografie. Ein Porträt zeigt nicht nur die Sonnenseiten, das sympathische, gewinnende Lächeln. Es darf den Menschen auch so zeigen, wie er ist: authentisch, ungeschönt, ungeschminkt. Ein Fotomodell muss nicht extrem schön sein. Genauso wichtig sind Mut und Selbstbewußtsein. Wer zu sich selbst steht, sieht auch auf Fotos klasse aus.

Weitere Bildbeispiele mit Anmerkungen:
Altweibersommer von Antje K.
Frühling in Cambridge von Jeri C.
Michelle von Jacqueline Esen (Editorial)
Schnee von gestern von Gabi Geisser
Schwalbenschwänze von Markus Oettl
Jasmin und Erik von Joel Hatsch
Füsse von Tanja
Mama, mach mal ein Foto von mir... von Schierin
Palmenmeer von Tanja H.
Wellengang von Carola Jäger
U-Bahn von Günter Hoffmann
"_|" von Udo Hartmann
Küchenschelle von Reinhold Degel

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